Abenteurer der Meere?
Von Forschung und Arbeit im salzigen Nass 

Ein bisschen irreführend ist er schon, der Titel "Faszination Meeresforschung". Zumindest der interessierte Laie erwartet wohl ein Buch über die Meeresforschung und das, was die tägliche Arbeit eines Meereskundlers so ausmacht. Statt der übersichtlichen Betriebsanleitung für den marinen Berufsstand gibt es aber zahlreiche Berichte aus der Meeresforschung. Die modernen Entdecker der Meere zeigen hier weniger, wie sie in Goretex-Jacke und Wathosen den Wellen und Winden trotzen, sondern was das Ergebnis ihrer täglichen Arbeit ist. 

Sehr schnell erschließt sich dem Leser auch, an wen sich das thematisch sehr umfangreiche und hochaktuelle Buch eigentlich richtet: an Lernende und Lehrende aus dem Bereich der Meereskunde und marinen Umweltwissenschaften. Denn eines braucht man schon, will man in einzelnen Beiträgen nicht fachlich verloren gehen: naturwissenschaftliche Grundkenntnisse. Inhalt und Art der meisten Texte sind  – vor allem sprachlich/stilistisch – eher für ein eher wissenschaftlich interessiertes Publikum ausgerichtet. Soll heißen, dass Aufmachung und Stil des Buches am ehesten mit der Erscheinung des Magazins "Spektrum der Wissenschaft" zu vergleichen sind als vielleicht mit Peter Moosleitners Populärmagazin PM – was aber überhaupt kein negatives Merkmal darstellen soll.

Worum geht es nun eigentlich? Das 464 Seiten starke Buch beinhaltet fast 100 Fachbeiträge von Meereskundlern der unterschiedlichsten Fachrichtungen. Entsprechend führt die Meeresreise von den Lebensgemeinschaften der Tiefsee über die polaren Lebensräume entlang der Kontinentalränder bis hin in die Küstenzonen. Im Grunde wird kaum ein thematisches Gebiet der Meereskunde ausgelassen und kommen alle meereskundlichen Disziplinen zur Sprache – sei es die Meereschemie, die Planktologie, die Meereszoologie oder die physikalische Ozeanographie.

Einmalig ist dieses Buch wohl insbesondere aus dem Grund, weil es der Verlag, die Redaktion (unter Leitung von "Meeresgott" Gotthilf Hempel) und schließlich die Stiftung Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung geschafft haben, derart viele renommierte Wissenschaftler als Autoren zu gewinnen. Herausgekommen ist ein fachlich überaus wertvolles Kompendium der Meereskunde, welches ein einzelner Autor nur schwer in dieser Ausführlichkeit und Aktualität hätte anfertigen können.  

Wer also einen inhaltlichen Einblick in bestimmte Forschungsdisziplinen der Meereskunde gewinnen möchte, wird mit diesem Buch hervorragend bedient. Das gleiche gilt für den fachlichen Überblick über das gesamte Themenfeld Meeresforschung. Damit kommen Studenten der Meereskunde natürlich zukünftig nicht mehr um die Lektüre von "Faszination Meereskunde" als Prüfungsvorbereitung herum. Denn die Inhalte, die hier beschrieben werden, sollte ein Meeresbiologe zumindest in ihren Grundlagen schon beherrschen – egal, ob er sich später "nur" auf Delphine oder Diatomeen spezialisieren will. 

Letztendlich vermittelt das Buch natürlich doch einen Eindruck von der Arbeit der Meeresforscher und auch der Faszination Meeresforschung. Die unterschiedlichen wissenschaftlichen Berichte spiegeln realistisch den Anspruch und die Anforderungen wieder, denen Meereskundler bei ihrer Arbeit gerecht werden müssen. Und dazu gehören nicht unbedingt Seefestigkeit oder Abenteuerlust in tosender See. Die Faszination liegt für einen Meereskundler nämlich in erster Linie in der wissenschaftlichen Annäherung und Auseinandersetzung mit Krabbe & Co. 

"Faszination Meeresforschung"
Gotthilf Hempel, Irmtraud Hempel, Sigrid Schiel 
Verlag H. M. Hauschild, 2006

464 Seiten, Hardcover farbig, 383 Abbildungen
ISBN 3-89757-310-5
Preis: € 39,50

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